Müller-Thurgau im Wandel


Kein Wein hat im Laufe seines Daseins so viel Kritik einzustecken, wie die von Prof. Müller-Thurgau vor etwa 120 Jahren gezüchtete und nach ihm benannte Rebsorte. Dabei war sein Ansinnen ja, speziell für die kühleren Weinbauregionen Europas, eine Rebe zu züchten, die die köstlichen Eigenschaften des Rieslings mit der frühen Reife des Silvaners (?) vereinte. So war man dann auch lange der Meinung, daß der Müller-Thurgau aus diesen beiden Sorten entstanden ist und bezeichnete den Müller-Thurgau verschiedentlich auch als Riesling x Silvaner oder in Kurzform Rivaner.

Nach neuesten Erkenntnissen jedoch ist die Müller-Thurgau-Traube aus den Sorten Riesling und Madeleine-Royal gezüchtet worden.

Wie dem auch sei, dies hat heute allenfalls noch wissenschaftliche Bedeutung. Für den Weinkonsument ist der Müller-Thurgau längst zu einem der am meisten getrunkenen Weine geworden. Dies war nicht immer so. Es dauerte 70 Jahre ehe der Müller-Thurgau in den 50er Jahren seinen Siegeszug begann. 1954 wurden schon 5.000 ha Müller-Thurgau angebaut; 10 Jahre später bereits 15.000 ha und heute sind in Deutschland ca 25.000 ha (Baden 4.300 ha) mit der Sorte Müller-Thurgau bestockt. Ertragssicherheit und geringe Lagenansprüche, fruchtig, leicht und bekömmlich waren die Attribute, die den Müller-Thurgau letztendlich zu der meist angepflanzten Sorte machten.

Im Laufe der Jahre aber wurde gerade die Ertragssicherheit zum Bumerang für den Müller-Thurgau. In zunehmenden Maße rückte die Quantität in den Vordergrund. Ernteerträge von 20.000 L pro ha und mehr waren keine Seltenheit und schon bald wurden dem Müller-Thurgau Beinamen wie - Massenträger - Marke Ackersegen - Wein des kleinen Mannes - Schorlewein - ausdrucksloser Wein   usw. angehängt. Unter diesem negativen Image hat der Müller-Thurgau auch heute noch zu leiden.

Dennoch: Der Müller-Thurgau ist besser als sein Ruf!

Die in den letzten Jahren eingeführte Mengenbegrenzung, in Baden dürfen beispielsweise nur noch 9.000 L pro ha erzeugt werden, weist den Weg eindeutig wieder hin zu mehr Qualität. Zudem gehen immer mehr Winzer dazu über, durch innovative An- und Ausbaumethoden (z.B. als fruchtigen, spritzigen Rivaner) dem Müller-Thurgau als leichten und bekömmlichen Weißwein wieder zu dem Ansehen zu verhelfen, der ihm nach Meinung des Verfassers auch zusteht, nämlich:

Klasse statt Masse!!

Karl Hirsch